Wie denkt und wertet deine Community? – Ein Experiment über Social Scoring auf der Social-Media-Plattform Instagram
Social Scoring via Instagram

Wie denkt und wertet deine Community? – Ein Experiment über Social Scoring auf der Social-Media-Plattform Instagram

„Social Scoring“ ist für viele Menschen noch ein Fremdwort. Ein Experiment auf Instagram sollte für das Thema sensibilisieren.

Social Scoring“ – dieser Begriff ist weder allgemein definiert noch ist er hierzulande gesellschaftlich bekannt. Der Begriff beschreibt eine Art System oder Verfahren, in dem das Verhalten eines Menschen innerhalb der Gesellschaft bewertet wird. In Teilen Chinas befinden sich Social-Scoring-Systeme in der Testphase. Die Bürger werden dort anhand positiver oder negativer Bewertungen ihrer Handlungen innerhalb der Sozialstruktur auf- oder abgewertet. Mit einem hohen Social Score gehen dort Vorteile für den Bürger einher, beispielsweise in Form von besseren Chancen bei der Wohnungssuche oder auf günstigere Zinsen beim nächsten Kredit. Bei einem niedrigeren Score werden den Bürgern Zugänge erschwert.

Social-Scoring-Systeme werden mit Skepsis betrachtet

Diese Social-Scoring-Systeme, annähernd mit „Sozialkredit-Systeme“ zu übersetzen, stoßen auf viel Kritik. So wird deren Sinn oft in der Kontrolle und Überwachung der Bürger gesehen. Offiziell liegt der Sinn laut chinesischen Behörden darin, für mehr Sicherheit in der Gesellschaft zu sorgen. Beispielsweise sind einige chinesische Taxi-Fahrzeuge mit Überwachungskameras ausgestattet, deren Aufzeichnungen auch die Behörden live einsehen können. Durch das Bewusstsein der Bürger für die Kameras könnten vor allem für die Fahrer Gefahren gemindert werden. Allerdings besteht für Fahrer und Fahrgäste auch das Risiko, dass der Social Score nicht etwa durch kriminelles, aber für die Allgemeinheit (z.B. kritische Aussagen gegenüber der chinesischen Regierung) ungewünschtes Verhalten sinkt.

Studie ergibt: Viele Deutsche würden gerne bewerten und bewertet werden

Trotz allem ergab eine Umfrage in Deutschland, dass rund jeder sechste ein Sozialkredit-System befürwortet und 40 Prozent die Möglichkeit begrüßen würden, andere Bürger zu bewerten. Ähnliche Strukturen gibt es bereits heute in Form der Schufa oder Krankenkassen. Bei Letzterem erhält die versicherte Person zum Beispiel Prämien für regelmäßige Zahnarztbesuche oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein.

Dennoch wäre ein Sozialkredit-System, wie am Anfang beschrieben, viel weitreichender und würde mehr Konsequenzen für die Bürger bedeuten.

Das Experiment

Aufgrund dieser Gegebenheiten wollte ich mit einem Social-Scoring-Experiment ein Bewusstsein dafür schaffen, wie es ist, gesellschaftlich bewertet zu werden und herausfinden, für welche Handlungen und Aussagen Menschen positiv oder negativ bewertet werden.

Vorab wurden 24 Statements gesammelt. Dazu wurden vier fiktive Profile erstellt, auf die die Aussagen verteilt wurden, sodass jedes Profil insgesamt sechs  Aussagen erhielt.

Diese Statements wurden auf dem Instagram-Account des Studiengangs „Online-Redakteur“ (TH Köln) und auf einem privaten Profil eines Studierenden identisch in den Instagram-Stories gepostet. Die Follower wurden dazu aufgerufen, diese per „Swipe-Tool“ auf einer Skala von -2 bis +2 zu bewerten.

Instagram-Story Post aus dem Experiment. Nutzer konnten die Aussage per "Swipe-Tool" bewerten.
Instagram-Story Post

Digitale Durchführung am Vorbild der analogen Wirklichkeit

Der Nutzer bekam nicht mehr Informationen als die Aussage selbst und ob sie von einer weiblichen oder männlichen Person getätigt wurde. Kontexte, wie zum Beispiel Lebensumstände der Person wurden nicht erklärt, da Menschen im realen Leben auch ohne Kontexte urteilen. Wir hören zum Beispiel von einer Frau, dass sie Stripperin sei. Noch bevor wir Kontexte überhaupt erfragen, reagieren wir auf diese Aussage. Dies ist ein allgemeines und alltägliches Verhalten, eine sogenannte Heuristik, die der Mensch sehr oft nutzt. Hier sollte das Experiment im digitalen Raum ziemlich nah an der analogen Wirklichkeit bleiben. Es ergab sich für jedes Statement ein eigener Score beziehungsweise eine eigene Bewertung:

Ergebnisse des Social-Scoring Experiments auf Instagram: Statements geordnet nach Social-Score
Ergebnisse des Experiments: Statements geordnet nach Social-Score (bewertet durch Nutzer auf Instagram)

Die Daten auf der Abbildung zeigen, wofür die Profile von den Teilnehmern (durchschnittlich 87,5 pro Statement) positiv oder negativ bewertet wurden. So kann beispielsweise ein Raucher damit rechnen, im Szenario eines Sozialkredit-Systems abgewertet zu werden, wenn auch nur geringfügig. Etwas drastischer würden zum Beispiel Türkei-Urlauber (Im Jahr 2018 reisten 4,5 Millionen Deutsche in die Türkei (vgl. faz.net)) herabgewertet werden (Wert: – 0,7). Positiv bewerten werden Mitgliedschaften in Nicht-Regierungs-Organisationen wie Amnesty International (+ 0,2) oder Greenpeace (+ 0,45).

Alle Bewertungen wurden zudem für jedes der vier fiktiven Profile addiert/subtrahiert und ergeben vier individuelle Social Scores:

So konnten die Umfrage-Teilnehmer und auch die Barcamp-Besucher für sich erkennen, wie ein Sozialkreditsystem aussehen würde, welches auf ihren eigenen Bewertungen basiert. Bei Betrachtung dieser Ergebnisse auf dem KI-TT BarCamp 2.0 am 18.11. reagierten manche Besucher sehr verwundert. Die Durchschnittsbewertungen wichen teilweise stark von ihren persönlichen ab, wodurch ihnen die möglichen negativen Konsequenzen eines solchen Systems für sie selbst klar wurden. Außerdem wurden die Gäste innerhalb eines anderen Social-Score-Experiments live bewertet. Das hat die Betrachter für das Thema Social Scoring sensibilisiert, sodass sie Fachwissen über dieses komplexe und neue Thema erlangen konnten und zudem auch sehr persönlich und emotional damit in Berührung gekommen sind.

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